Alt, Neu, Bauen im Bestand

Ausgangspunkt einer begrifflichen Neuordnung im Umgang mit Baudenkmälern sind die die Charta von Venedig definierenden Grundsätze des Konservierens und Restaurierens (Kommentar der 16 Artikel i. A.).

 

Angesichts der Bedeutung neuer und abgängiger Bauteile sowie zur treffenderen Charakterisierung von Baumaßnahmen in der Denkmalpflege plädiert schon 1990 Michael Petzet dafür, das Renovieren als komplementäres Moment gegenüber den beiden venezianischen 'Säulen’ sowie als legitimes Mittel von Neuordnungen anzuerkennen (Grundsätze der Denkmalpflege, in: ICOMOS, Hefte des Deutschen Nationalkomitees, X, 7-43, München 1992).

 

Alle drei Prinzipien zusammen bilden das Spannungsfeld, in dem jeder Maßnahme im Umgang mit alter Bausubstanz ein ihr eigener, konkreter Platz zugeordnet werden kann. In einem Dreiecksdiagramm (Ternary Plot, s. Links) lassen sich auf Basis der Parameter des Konservierens-Restaurierens-Renovierens (C, RI, EI, schwarz-gelb-rot) daher all jene Maßnahmen beschreiben, die erhaltender, festigender und/oder ’ordnender’ Natur sind.

 

Bereits die Charta von Venedig weist in ihren Artikeln 9 und 15 darauf hin, dass Rekonstruktionen und Wiederherstellungen über klassische, restauratorisch-ergänzende Verfahren hinausgehen und mit dieser Form des Weiterbauens eine Qualität erreicht wird, die in dem hier vorgestellten Modell den Bereichen des Umbauens und Anbauens zuzuordnen ist. Beim Bauen im Bestand treten Neues und Altes zunächst gleichberechtigt auf und generieren ein zweites Spannungsfeld, in dem historische Bausubstanz 'weitergebaut’, verändert oder ergänzt wird (Dreieck RII, EII, AI, gelb-rot-blau).

 

Am Tetraeder-Modell lässt sich zeigen, wie sich das Weiterbauen (R5, s. Übersicht) als eine das Baudenkmal "vollendende“ Maßnahme von der Remontage (= Anastilosi, R4) durch sein 'imitierendes’ Moment unterscheidet, in dem neue Teile das Alte getreu rekonstruieren (fr. reconstituer), spekulativ wiederherstellen oder sich ihm mimetisch anverwandeln.

 

Das Ausbauen oder Abreißen alter Substanz markiert schließlich die letzte Stufe eines kritischen Wegs (EI-EII-EIII, roter Bereich), an dessen Ende im besten Fall ein Platz im Museum steht. Gemeinsam mit Konstruktionen unmittelbar neben (Nebenbauen) oder in der Nachbarschaft von historischen Gebäuden und Ensembles (Neubauen) wird der dritte und letzte Bereich einer durch insgesamt 5 Pole gekennzeichneten Systematik aufgespannt, in dem neben der Wertschätzung und Erhaltung des Alten die sensible Ergänzung durch Neues im Vordergrund steht (Dreieck EIII, AII, N, rot-blau-weiß).